Stoffe bezugsfertig machen: hinterkleben mit Papier/ Appretur

  • Hallo,
    ich würde gerne unterschiedliche Stoffe (Baumwolle, Leinen, Seide) für den Einband verwenden. Wie bereite ich diese am besten vor?
    Leider habe ich bisher nur sehr historische Schriften gefunden wie man Stoffe appretiert und mit (Japan-)Papier hinterklebt um sie leimdicht zu machen.
    Die Rezepte für das Appreturgemisch sind teilweise haarsträubend und sicher nicht mehr zeitgemäß.
    Zutaten wie Gummi Arabikum, Kaolin, Alaun, Tierleim, Kleister etc. habe ich vorrätig, nur in welcher Rezeptur - und wie wird das am besten aufgetragen?
    Oder reicht es auf der Rückseite Papier aufzukleben - muss es Japanpapier sein oder gibt es Alternativen?


    Hat hier jemand Erfahrungen damit gemacht?
    Ich würde mich über jeden Hinweis freuen.

  • Hallo Johanna!
    Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Idee einfache Stoffe zu verwenden schon recht mutig ist.
    Als ich vor zirka hundert Jahren Buchbinder lernte habe ich natürlich auch alles ausprobiert. Zuerst normalen Baumwollstoff marmoriert und dann kaschiert. Oh la la – das gab schon die ein oder andere Sauerei.
    Heute würde ich kleine Proben machen. Zum Beispiel: auf normales Kopierpapier dick Planatol auftragen, trocknen lassen und dann versuchen den Stoff aufzubügeln.
    Dann würde ich Produkte von Fuller ausprobieren. Ich habe einen Rest Ipacollan D04D. Das Zeug wird nie (wirklich nie) unklebrig. Ich will damit sagen, es bleibt immer (auch nach langer Trocknungszeit) eine starke Adhäsion. Da gibt es auch eine Internetseite:
    https://tewipack.de/files/down…elien-kaschieren-2016.pdf
    Vielleicht hilft das weiter.


    Viel Erfolg und wenn es geht etwas hier etwas über die Erfolge berichten. Das wäre toll. Danke!
    Buntpapier

  • Hallo Johanna,
    Schon öfters gemacht. Seide ist sehr schwierig besonders da es oft und sehr leicht Wasserflecken... gibt.


    Ansonsten, den Leim direkt auf die Decke... anbringen, ganz gleichmässig. Dann warten bis der Leim anfängt zu trocknen und den Stoff ganz vorsichtig drauf legen und anreiben so dass der Leim nicht durch dringt. Wenn mann den Stoff vorher LEICHT anfeuchtet dringt auch weniger Leim durch. Wenn es "Blasen" gibt, nach dem Trocknen mit einem Buegeleisen befestigen.


    Wenn Du den Stoff hinterkleben willst, am besten nur Kleister (Weizen-/Reis-staerke verwenden).


    Mann kann auch so etwas wie dies benutzen:
    https://www.amazon.de/Pellon-H…nder-unter/dp/B00923B6UO/


    Viel Glück,


    p.



  • Hallo Johanna,
    ich hab das auch schon so gemacht wie Peter es beschrieben hat: Leim gleichmäßig auf den Deckel ....
    Auch mit Bügelflies habe ich schon gearbeitet: dazu das Flies erst auf den Stoff bügeln und dann wieder Leim auf die Deckel ....
    Arbeite nicht alles auf einmal, sondern mach das in Etappen: erst den einen Deckel mit Leim.. Stoff drauf, dann den Rücken, Stoff drauf, dann den anderen Deckel... Willst Du die Deckel wattieren, dann nimm das Volumenflies und klebe es erst bündig auf beide Deckel, dann bügelst den Stoff auf den einen Deckel. Falz, Rücken und Einschläge machst ohne Volumenflies.
    Ach ja noch was: nimm erstmal zum Üben gut gemusterten Baumwollstoff. Wenn da der Leim durchdrückt fällt es so gut wie nicht auf. Später hast dann den Dreh mit der Leimmenge raus.
    Ich hab übrigens ganz normalen A22 dafür verwendet.
    Viel Spaß beim Experimentieren !
    Gruß Papierfrau

  • Danke für eure Tipps!
    Ich hoffe ich komme bald zum Experimentieren und werde dann auch über die Ergebnisse berichten.
    Wasserflecken auf Seide kann man übrigens vermeiden indem man den Stoff vorher vollständig und gleichmäßig leicht anfeuchtet.
    In der Schneiderei wird zum verkleben mehrerer Stoffe ("Bonding") Auch oft ein Produkt von Vliseline verwendet das "Hexenspucke" genannt wird. Es ist ein dünnes Netz aus Thermokleber, ähnlich wie die Klebepunkte auf Bügeleinlage, schlägt aber weniger durch. Es wird durch Heißpressen aufgetragen und könnte auch auf dem Deckel kleben.

  • Hallo Johanna,


    ich habe diesbezüglich eigene Experimente und Erfahrungen mit Baumwollgewebe gemacht - Leinen wird vermutlich ähnlich reagieren, bei Seide bin ich skeptisch (siehe Peters Kommentar).


    Variante 1) Vlieseline (EINseitig mit Hotmelt-Klebstoff beschichtetes Volumenvlies aus dem Schneidereibedarf) aufbügeln


    - geht einfach und schnell
    - für anschließende Weiterverarbeitung ausreichend gg. "Durchsuppen" ausreichend
    - aus konservatorischer Sicht mehr als fragwürdig
    - keine Langzeiterfahrung hinsichtlich Haltbarkeit


    Variante 2) Stoff zunächst mithilfe von Vliesofix (ZWEIseitig mit Hotmelt-Klebstoff beschichtetes Volumenvlies aus dem Schneidereibedarf) mit Hotmelt-Schicht versehen und dann Schnittmusterbogenpapier aufgebügelt


    - aufwändier als Variante 1
    - kommt klassischem Buchbindergewebe am Ende näher als Variante 1
    - aus konservatorischer Sicht ebenfalls mehr als fragwürdig
    - fehleranfälliger als Variante 1 (Bildung von nicht-haftenden Stellen bei "huschiger" Verarbeitung)
    - keine Langzeiterfahrung hinsichtlich Haltbarkeit



    Variante 3) Schnittmusterbogenpapier mit Kleister direkt auf Stoff kaschiert


    - aus konservatorischer Sicht deutlich besser als Variante 1 und 2
    - mehr "Sauerei" als Variante 1 und 2
    - kommt klassischem Buchbindergewebe von allen Varianten am nächsten
    - unbedingt Kleister nehmen, der im Ggs. zu PVA-Leim keine Flecken beim Durchsuppen hinterlässt


    Am Ende ist aus meiner Sicht die größte "Schwachstelle" dieses Konzept der Stoff selbst. Obwohl es bei normalem Stoff viel mehr und viel schönere Farben und Muster als bei klassischem Buchbindergewebe gibt, ist letzteres in der Regel aber in der Benutzung des fertigen Buches meist deutlich robuster, widerstandsfähiger und langlebiger.


    Das soll aber nicht heissen, dass man normalen Stoff nicht verwenden sollte ...


    Viel Erfolg!


    Uwe

  • Vielen Dank für deine ausführliche Liste, Uwe.


    Ich bin von den ganzen Schneidereihilfsmitteln auch nicht so angetan, "kleben" mit Vlies ist da im Handwerk nämlich immer die schnelle, billige und nicht gerade langlebige Variante.


    Angelehnt an alte Appreturrezepte zur Herstellung von Kaliko habe ich den folgenden Versuch gemacht:


    1. Schritt:
    Ich habe eine Tasse Kleister aus Maisstärke mit einem gestrichenen Teelöffel Gummi Arabikum, einer Messerspitze Alaun und einer Messerspitze Natron aufgekocht und noch warm auf ungefärbten Baumwollstoff (Nessel ) aufgestrichen, den ich auf eine Glasplatte gelegt hatte.
    Dann den Stoff antrocknen lassen und noch feucht zwischen Backpapier kräftig trocken gebügelt und gepresst.


    Ergebnis: Ein papierähnlich steifer Stoff der sich nicht mehr verzieht und sich schön falzen lässt.
    Die Vorderseite ( die auf der Glasplatte lag) ist ohne Kleisterdurchschlag, die Rückseite mit Glanzflecken.
    Man könnte jetzt noch eine Schicht gelöstes Kolophonium oder Bienenwachs aufsprühen (bzw. reiben) und nochmal heiß pressen.


    Alternativ könnte man die Kleistermischung natürlich auch auf die Rückseite siebdrucken, so wie man auf die Vorderseite wasserabweisende Appretur drucken könnte, aber das übersteigt wahrscheinlich die Möglichkeiten.


    2. Schritt:
    Nun habe ich sehr dünnes Seidenpapier-ähnliches Einschlagpapier dünn mit Kleister bestrichen und auf den Stoff geklebt, gepresst und getrocknet.


    Meiner Meinung nach kommt das dem Buchbindergewebe sehr nahe. Der erste Schritt hat den Vorteil, dass der Stoff sich dann ganz sicher nicht mehr dehnt, schrumpft, verzieht etc. und die Oberfläche schön glatt und steif ist.
    Und spätestens mit dem zweiten Schritt schimmert beim Einschlagen die Pappe nicht mehr durch den Stoff.


    Ich werde das ganze noch in größerem Format und mit anderen Stoffen probieren und dann einen Einband damit testen.

  • Hab neulich mal was ausprobiert, das hat, wahrscheinlich eher durch Zufall, super geklappt. War ein Baumwollstoff den mein Sohn aus Togo mitgebracht hatte. Der ist dermaßen gestärkt, dass das beim Aufziehen auf einen eingekleisterten Deckel nicht einen Schimmer durchgesabbert hat. Wenn man den bügelte, dann wird er wie du beschrieben hast mit deiner Mischung, also gehe ich fast davon aus, dass Kleiderstärke auch nichts anderes ist.

    Bei dem Stoff, das muss ich zugeben, hätte man allerdings auch nicht gesehen wenn ein dicker Fleck drauf gewesen wär. Aber der wirklich außen komplett trocken.

    Wenn ich das also noch mal mit einem anderen Stoff probiere, dann stärke ich den vorher kräftig.

    (in meinem schlauen Buch über die Werkstoffe des Buchbinders wird von Appretur als kaum was anderem gesprochen als von Stärke evtl. mit Kasein (was nichts anderes als komplett Fettfreier Quark ist), Dextrin oder Leim gesprochen das jeweils dünn aufgetragen wird und "kalandert" also gebügelt. Seide wäre, weils durchschlägt, über Holzkarton zu spannen, was immer damit gemeint ist. Zum Kaschieren von Seide sei das Papier zu spannen und dann mit mit ganz dünnem glatten Kleister anzuschmieren)