90 Jahre altes Buch: Papierdefekte ersetzen

  • Liebes Forum,

    schön, dass ich auf diese wunderbare Wissensquelle gestoßen bin! Und ich möchte gleich eine recht spezielle Frage loswerden: Als Buchbinderamateur bin ich gerade dabei, ein 90 Jahre altes Kochbuch wieder herzurichten. Es stammt aus dem Familienbesitz und hat für mich hohen ideellen Wert, u. a. deswegen, weil dort von meiner Großmutter viele handschriftliche Notizen zu finden sind. Das Buch ist in gruseligem Zustand, weil schon vor Jahrzehnten ein anderes Familienmitglied mit bararischen Mitteln einen Reparaturversuch gestartet, aber zum Glück auf halber Strecke abgebrochen hatte.

    Aktuelle Bearbeitungsphase ist das vollständige Zerlegen des Blocks und das Wiederherstellen beschädigter Lagen. Instabile Fälze überklebe ich gerade mit Japanpapier, was m. E. ganz gut funktioniert und vermutlich auch ausreichend stabil sein wird, wenn ich den Block erneut heften werde.

    Leider gibt es aber etliche Seiten, die früher aus unklaren Gründen grob ausgerissen wurden, so dass hier echte Papierdefekte im Falzbereich vorliegen. Hier wäre es m. E. angebracht, mit ähnlichem, möglichst altem Papier aus dieser Zeit zu arbeiten. Die Frage ist nur, wo ich es am besten herbekomme. Das dort verwendete Papier hat naturgemäß eine völlig andere Textur als modernes (gröber, rauher). Andere Bücher aus dieser Zeit auszuschlachten wäre vermutlich eine Option, vielleicht die gezielte Suche auf Flohmärkten o. ä.. Vielleicht müsste ich auch ein wenig einfärben ...

    Gibt es vielleicht sonst noch gute Ideen aus den Reihen der Profis? Gibt es vielleicht sogar Quellen, über die man "alte" Papiere beziehen kann?

    Herzliche Grüße und vielen Dank

    Rainer

    P.S. Ein Photo vom Papier habe ich angehängt ...

  • Hallo Rainer!


    Ein doppeltes Willkommen an Dich. Zuerst natürlich – herzlich willkommen im Buchbinderclub.


    Und zum Zweiten – herzlich willkommen in der wirklichen Welt der alten industriellen Bücher.


    Und damit das Ganze nicht so einfach ist, kommt auch gleich ein hundert Jahre altes Buch. Wenn ich auf Flohmärkten irgendwelche Bücher, die zwischen 1850 und 1950 hergestellt wurden sehe, betrachte ich zuerst das eigentliche Papier der Buchseiten. Nach 1850 begann die Herstellung von Papier auf der Basis von Holzschliff im großen Stil. Und nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Papiere durch das Ende des kriegsbedingten Materialmangels und der besseren Papierleimung durch Fortschritte in der chemischen Industrie wesentlich haltbarer. Der Vorteil dieser Papiere ist, dass sich recht weich sind. Ich will damit sagen, dass man Reparaturen wie mit Japanpapier recht einfach in das Papier eindrücken kann und danach keine großen Dickenunterschiede mehr bestehen.


    Aber das hilft Dir wenig. Ich hoffe zumindest dass die Tesa-Film-Wut nicht zu stark zugeschlagen hat.


    Ich habe auch nur mit Japanpapier gearbeitet. Oft habe ich aber auch einfach nur den Leim mit einer Nadel in die Risse geschmiert. Ich schreibe bewusst geschmiert, weil man viele Klebstoffe dann immer sieht. Die Klebestellen glänzen dann unschön. Richtige Restaurationen habe ich nicht ausgeführt. Ich denke das ist auch recht aufwendig und bedarf eines guten Lehrers, bzw. einer guten Lehrerin.


    Mal sehen was es hier noch für Kommentare gibt. Manchmal staune ich nicht schlecht. Ansonsten viel Erfolg.


    Buntpapier

  • Hallo Rainer,

    auch von mir ein herzliches Willkommen im Club.

    Da kommst Du ja gleich mit einem tollen Beispiel an Buchbinder-Reparaturarbeit daher und mit Fragen, die so einfach kurz nicht zu beantworten sind. Damit ich hier keine Romane schreibe, erstmal meine Frage 1: Wie gut bist Du mit Buchbindergeräten ausgestattet? Hast Du eine Spindelpresse?

    Frage 2: Mit welchem Japanpapier verstärkst Du gerade die Fälze und woher hast Du das Papier?

    Frage 3: wieviel der Blätter sind von Großmutter beschriftet und ungefähr wie viele Blätter haben die größeren Fehlstellen im Falz

    Frage 4: wie hoch ist das Buch?

    So, genug für heute :-).

    Die Anlage von Dir, damit die Lagen wieder gleich groß und gerade werden finde ich gut. Trotzdem wird Dir die Vorderkante aber nicht mehr so "glatt wie geschnitten" werden. Aber da kann man auch bisserl nachhelfen.

    Schönes Wochenende wünsch ich Dir.

    Servus Papierfrau

  • Guten Abend zusammen und vielen Dank für die ersten Rückmeldungen!


    Ich antworte mal zusammenfassend: Tesa-Wut gab es durch Vorbesitzer und/oder "Vor-Reparateure" ... Glücklicherweise sind die Klebeschichten derweil so spröde geworden, dass Ablösen bisher recht stressfrei ging. Zurückbleibende Verfärbungen halten sich in Grenzen.


    Die konkrete Frage nach dem verwendeten Japanpapier kann ich leider nicht gut beantworten, da ich die entsprechenden Daten zur Quelle und zur Machart nicht mehr nachsehen kann. Das Papier hatte ich vor mehreren Jahren für eine andere kleine Rissereparatur gekauft und mich vorrangig am Farbton orientiert. Ich kann nur ganz unspezifisch sagen, dass es sich auch beim jetzigen Projekt optisch gut einfügt und auch vernünftig stabil wirkt.


    Das Buch hat ca. 650 Seiten, der Buchblock ist 6 cm dick. Die Häufigkeit der schwer beschädigten und defektragenden Fälze wie auf dem Bild schätze ich bei 1-2 %. Aber fast überall sind die originalen Heftlöcher ausgeschlitzt, weil der Vorgänger vermutlich grob gezogen hatte. Das Papier ist aber leider per se sowieso recht brüchig.


    Meine Großmutter hatte quer durch das ganze Buch auf vielen Seiten Randnotizen und Fußnoten angebracht und im Anhang 10 Blanco-Seiten vollgeschrieben, die für eigene Notizen vorgesehen waren.


    Eine Klotz- und eine Spindelpresse aus Holz habe ich, eine Heftlade ebenfalls. Einen Beschneidehobel habe ich nicht.


    Mal soweit -

    Viele Grüße


    Rainer

  • Nochmal eine kurz nachgeschobene und an die Profis gerichtete Frage:

    Was wäre in meinem speziellen Fall (das Buch geht ja nicht ins Museum) alternativ von einer Verwendung von Filmoplast P zu halten? Bei kleineren Rissen könnte ich es mir vorstellen, bei Falzdefekten natürlich nicht ...

    Viele Grüße, Rainer

  • Halo Rainer,

    ich lese, dass Du gut ausgestattet bist. Das mit dem Japanpapier ist gut so. Musst halt schaun, dass Dir die Steigung am Rücken nicht zu hoch wird.

    MIt original altem Papier, welches ja dann wieder holzschliffhaltig ist würde ich nichts im Falz ausbessern. Den "Dahinbröselfaktor" kannst beim Holzschliff nur mit Papierspaltung entgegentreten und das geht nur sehr bedingt in der hauseigenen Werkstatt. Außerdem ist das recht aufwenig/teuer und lohnt sich wahrscheinlich in dem Fall nicht.

    Das mit dem Filmoplast P ist so eine Sache. Ich glaube die Buchbinder verwenden es und die Restauratoren verabscheuen es. Da gibt es viele unterschiedliche Ansichten aber es ist auf alle Fälle besser als Tesafilm!

    Zu den Fragen oben wollte ich Dir noch kurz meine ersten Gedanken erklären.

    Zur Frage 1.: Presse brauchst Du, damit der Falz beim Einkleben plan bleibt.

    Zur Frage 2.: es gibt jede Menge an unterschiedlichen Japanpapieren die mehr oder weniger für diese Arbeiten geeignet sind.

    Zur Frage 3: wenn man das Buch im Antiquariat sucht und ein gut erhaltenes Exemplar findet wäre es zu überlegen, ob man die beschrifteten Seiten austauscht.

    Zur Frage 4: ich hätte in meinem Fundus nach Ersatzblättern aus der Zeit mit der gleichen Höhe nachgeschaut (was aber ziemlich lange dauert, weil sich der Fundus nicht im Haus befindet).

    Naja, die Fragen haben sich erledigt.


    Lieben Gruß

    Papierfrau