Finde den Fehler

  • Das ist nicht so einfach.

    Grundsätzlich spielt der Film irgendwo in China und dort gibt es keine Regeln und viel Pech wenn die Finger ab sind. Die Lichtschranke funktioniert nicht.

    Die Maschine ist auch nicht so einfach zu identifizieren. In Indien, Afrika oder, China oder Ländern mit ähnlichem Sicherheitsniveau ist es üblich die Mechanik von gebrauchten europäischen Maschinen irgendwie zu reparieren. Aber die Elektronik wird, weil die Ersatzteil einfach zu teuer sind, kurzerhand durch eine wilde meist lokale Steuerung ersetzt.

    Der Messerbalken der gezeigten Maschine erinnert stark an eine Perfecta. Der Messerwechsel ist wie bei Perfecta. Die Frontplatte (das vordere große Gußteil) sieht aber nicht nach Prefecta aus. Ich kenne keine Perfecta mit einer einteiligen Fronplatte und runden Kanten. Das hatte Polar. Deshalb denke ich, dass es eine komplett chinesische Maschine ist. In China werden gute Produkte auseinander genommen und kopiert. Wenn es für die Gießerei einfacher ist, werden dann auch schon mal Änderungen vorgenommen. So ist es üblich, das Gußteil stärker, dicker oder massive gemacht werden. Und das könnte hier der Fall gewesen sein. Die zweiteilige Frontplatte der Perfecta könnte durch eine (Polar ähnliche) einteilige und dadurch steifere Fronplatte ersetzt worden sein.

    Und die Sicherheit die wir hier kennen ist Luxus. Hat aber auch den Vorteil der Abgrenzung. Billige Produkte dürfen in Europa nicht einfach so verkauft werden. Wenn Probleme herauskommen, müssen Produkte für die graphische Industrie von den Händlern mit 100%iger Rückzahlung des Preises zurückgenommen werden (EN1010). Andersherum versuchen große Konzerne in den "schwierigen" Länder mit guten europäischen Produkten zu werben. Das ist dann schon durch den Preis schon ein totales Werbeargument.

    Noch ein Letztes. Bei einer europäschen Maschine die in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde kann man die Lichtschranke nicht manipulieren. Polar führte die dreikanalige Sicherheitssteuerung 1982 ein. Die anderen deutschen Hersteller waren nicht wesentlich später mit ordentlichen Steuerungen.

    Papierfrau

    Ich habe bewußt die Unfallberichte (die auf konstruktive, also Herstellerprobleme zurückzuführen waren) aus Europa der letzten 20 Jahre nicht beschrieben. Es waren auch nur sehr wenige und diesen Hersteller gibt es nicht mehr. Fairerweise muss man dazu sagen, dass bei den Unfällen, von denen ich gehört habe, mindestens eine kräftige Portion dummer oder gar vorsätzlich falscher Bedienung die Grundlage des jeweiligen Problemes war.

    Also - irgendwann ist jeder Spaß zuende , spätestens bei de Hände .......... oder so.


    Klaus

  • @ Klaus


    Vor gut 25 Jahren ging mir an einer Wohlenberg die Lichtschranke kaputt. Neben 4.000 DM Kosten hat die Reparatur inklusive Teilebestellung drei Tage gedauert - in der Zeit stand natürlich die Maschine. Ist mir bei Polar noch nie passiert...;-)


    Unser damaliger, sehr fähriger Elektriker hat es nicht geschafft, die Lichtschranke zu überbrücken. Offensichtlich war das eine "dreikanalige Sicherheitssteuerung"?!


    Kannst Du mit einfachen Worten erklären, was das ist?


    Danke.

  • striegler

    Ja, das kann man erklären.


    1 kanalig

    Stell Dir vor Du hast einen Lichtschalter mit einem Kontakt an der Wand. In einer Stellung ist das Licht aus und in der anderen Stellung ist das Licht an. So kann man unterscheiden Lichtschranke „an“ oder „aus“. Schneiden „ja“ oder „nein“. Das ist aber nicht ganz ungefährlich. Denn wenn der Lichtschalter kaputt wäre und der Kontakt immer geschlossen ist, würde immer das Licht brennen, bzw. man könnte immer schneiden. So etwas war bei den Schneidemaschinen bis in den 50er Jahren üblich.


    2 kanalig

    Um die Sicherheit zu erhöhen bauen wir jetzt zwei Lichtschalter an die Wand. Die Schalter haben einen so großen Abstand, dass sie nicht mit einen Hand betätigt werden können. Beide Schalter müssen jetzt mit beiden Händen betätigt werden und das Licht geht an, bzw. man kann schneiden. Das ist schon etwas besser. In der 60er Jahren wurden die meisten Sicherheitsfunktionen in den Schneidemaschinen verdoppelt.


    3 kanalig

    Aber so richtig sicher wird es erst, wenn die ganze Sache auch kontrolliert wird. Und das ist der dritte Kanal. Der dritte Kanal kontrolliert zum Beispiel ob vor dem Schneiden beide Schalter wirklich aus waren und ob zum Schneiden beide Schalter wirklich betätigt wurden. Man kann so nicht einfach einen Schalter festklemmen oder ein Kabel umklemmen. Denn der dritte, bzw. Kotrollkanal würde merken das es kein wechseln zwischen „aus“ und „ein“ gegeben hat.


    Und jetzt zu den Lichtschranken. Hier ist die Sache noch etwas verzwickter. Seit den 90er Jahren gibt es Regeln die den folgenden hier sehr grob beschriebenen Ablauf vorschreiben.


    Maschine einschalten

    Die 3 kanalige Elektronik der Lichtschranke kontrolliert sich selbst, schaltet die Lichtschranke ein und führt einen Selbsttest durch. Das heißt die Lichtschranke wird ab- und wieder eingeschaltet. Die Reaktion wird zeitlich gemessen. Das muss in einem Bruchteil einer Sekunde erledigt sein. Hat die Lichtschranke mehr als eine Fotozelle, sind die Fotozellen in einem bestimmten Rhythmus und einer bestimmt Frequenz zu schalten. Eine Taschenlampe davor halten ist nicht. Danach meldet die Lichtschranke auf zwei Kanäle der ebenfalls 3 kanaligen Maschinensteuerung, dass sie fertig ist. Der dritte Kanal der Maschinensteuerung sieht, dass die beiden Steuerungskanäle des Okay der Lichtschranke bekommen haben. Alle drei Kanäle der Schneidemaschine erlauben jetzt zusammen den nächsten Schritt.


    Schneiden

    Der Bediener betätigt die Schneidtasten. Vor jedem Schnitt wird durch die Maschinensteuerung ein Selbsttest der Lichtschranke durchgeführt und das Ergebnis wieder an die Maschinensteuerung gemeldet. Das ist ungefähr so, wie der Selbsttest beim Einschalten. Ist der Lichtschrankentest in Ordnung, kontrolliert die Maschinensteuerung noch alle anderen notwendigen Voraussetzungen und darf dann den Schnitt starten.


    Schnittende

    Am Ende einer „gefahrbringenden Bewegung“ (echtes Amtsdeutsch) ist ein erneuter Lichtschrankentest durch zu führen. Und damit ist die Maschine bereit für den nächsten Schnitt.


    In Wirklichkeit ist das alles etwas komplizierter. Die einzelnen Schritte im Schnittablauf sind recht pfiffig aufgebaut. Denn so wie die Voraussetzungen für einen Schnitt (z. B. Lichtschrank) dürfen auf die wirklichen Aktivitäten (z. B. Hydraulik für Pressung und Schnitt) nicht einfach so funktionieren, oder nicht, oder doch, oder vielleicht etwas mehr. ALLES ist mindestens doppelt vorhanden oder wird durch zwei getrennte mechanische Funktionen gemeinsam ermöglicht.


    Noch Fragen?


    Klaus

  • :/ Äääähh nööö!

    Mit dem Text hast du auch die letzten "Klarheiten" bei mir beseitigt. *Sterne seh*

    Ich fand Physik ja früher immer echt spannend, aber jetzt steh ich auf dem Schlauch!


    So viel habe ich kapiert, die Maschine kontrolliert sich bzw. den Bediener x-fach - ehe sie zur Tat schreitet.

    Was mir im Moment vollends genügt.

    Die Wirkungsweise muss ich mir nicht haarklein reintun.

  • Danke Dir Klaus für die erschöpfende Darstellung - ich habe es kapiert.


    Ich denke mit Wehmut an die alten Zeiten des Buchbinderclubs, als wir solch tiefgründige Diskussionen auf dem Gebiet der industriellen Buchbinderei oft hatten.


    Schade, dass hier - aus welchen Gründen auch immer - die meisten Industriebuchbinder nicht mehr aktiv zu sein scheinen.

  • striegler

    Ja, manches ist merkwürdig.

    Ich war gestern in Jülich um mir alte Bleilettern zu holen. Der gute Mann hat noch einen A4-Tiegel und eine GTO im Keller und wird die Maschinen nicht los. Jetzt wird das Zeug wohl verschrottet.

    Die Zeiten ändern sich total

    Graupappe-l-n

    Ja es reicht, wenn man eine neuere Schneidemaschine hat. Dann kann man sich getrost auf die Sicherheit verlassen. Polar hat (1982) über 60.000 Maschinen mit 3-kanaliger Steuerung und ohne jedes Problem verkauft. Dazu kommen dann noch die Maschinen der anderen Hersteller mindestens ab 1995. Da kann man sich ruhig zurücklehnen und ordentlich arbeiten. Du machst das richtig!


    Klaus